Geschwindigkeit

"Ich rase nur auf Eis"

Psychologe Prof. Malte Mienert weiß, was uns zum Drängler macht.

Charakter oder Computerspiele: Was bringt uns zum Drängeln?

Prof. Malte Mienert weiß, wie Menschen hinterm Steuer ticken. Als Leiter der Abteilung Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie der Universität Bremen hat er sich intensiv mit dem Risikoverhalten vor allem junger Autofahrer beschäftigt. Heute ist er Professor an der European New University Kerkrade in den Niederlanden. Im Interview erläutert der Psychologe, wie unsere Persönlichkeit unser Verhalten im Straßenverkehr beeinflusst, ob Videospiele uns zu Rasern machen – und mit welchen Tricks wir uns vor Aggressionen hinterm Steuer schützen können.

Herr Prof. Mienert, was hat die Psyche mit unserem Verhalten im Straßenverkehr zu tun?

Wir bringen unsere Persönlichkeit in alle Alltagssituationen ein. Unsere Werte, unsere Ziele und unser Temperament beeinflussen also auch unser Verhalten im Straßenverkehr. Wer im Leben eher selbstbewusst ist, wird das auch hinterm Steuer sein. Wir lassen unsere Persönlichkeit ja nicht zu Hause und setzen uns dann als völlig rationale und neutrale Menschen ins Auto.

Sind also manche Menschen von Natur aus Raser und Drängler?

Ich warne hier vor einer Überpsychologisierung. Neben der Persönlichkeit beeinflussen auch andere Faktoren unser Verhalten, zum Beispiel die aktuelle Situation oder Erwartungen, die andere an uns stellen. Fragen Sie einen Drängler nach seinen Gründen, würde er wahrscheinlich nicht sagen: „Ich bin eben so.“ Er würde sein Verhalten eher damit begründen, dass morgens alles schiefgegangen ist und er nicht zu spät zur Arbeit kommen wollte. Das ändert natürlich nichts daran, dass sein Verhalten gefährlich ist.

Ist Drängeln eine bewusste Entscheidung?

Im Alltag läuft vieles automatisiert ab – nur wenig, was wir tun, ist uns tatsächlich bewusst. Und so sind sich viele Drängler auch nicht bewusst, dass sie drängeln. Manche werden in einem Moment zu nah auffahren – und sich im nächsten Augenblick über ihren Hintermann aufregen, der zu wenig Abstand hält! Das Problem: Im Auto können wir uns ausleben und befinden uns gleichzeitig in einer Art Schutzraum. Über das, was mein Verhalten bei anderen auslöst, erfahre ich so gut wie nichts. Wenn ich dagegen zum Beispiel im Supermarkt drängle und einem anderen mit meinem Einkaufswagen in die Hacken fahre, bekomme ich ja eine unmittelbare Reaktion – und werde mir dadurch auch meines Verhaltens eher bewusst.

Beeinflussen bestimmte Medienformate, zum Beispiel Filme oder Videospiele, unser Verhalten im Straßenverkehr?

Grundsätzlich können bestimmte Formate eine falsche Sicht der Realität befördern. Viele Filme, Sendungen – denken Sie etwa an Formel-1-Rennen – und Videospiele stellen aggressives Fahrverhalten ja als etwas Positives, als einen Ausdruck von Stärke, dar. Und viele dieser Formate verharmlosen gleichzeitig die Verhaltenskonsequenzen: Es passiert ja nichts, wenn man in einem Videospiel einen Unfall baut. Inwieweit die Konsumenten sich davon beeinflussen lassen, ist jedoch sehr schwierig festzustellen.

Inwiefern?

Hier haben wir es mit einem typischen Henne-Ei-Problem zu tun. Wir wissen nicht: Fährt man aggressiver, weil man ein bestimmtes Videospiel spielt? Oder spielt man es, weil man bereits aggressive Verhaltenstendenzen in sich trägt?

2013 verursachten 18- bis 24-Jährige allein auf Landstraßen über 18.000 Unfälle mit Personenschaden. Warum setzen viele junge Fahrer leichtfertig ihr eigenes und das Leben anderer aufs Spiel?

Auch hier wäre ich mit Verallgemeinerungen vorsichtig. Sicherlich gibt es junge Menschen, die besonders risikoreich fahren. Die gibt es aber auch unter den älteren Fahrern. Ich glaube, dass bei den Fahranfängern noch zwei weitere Unfallrisiken dazukommen: Das ist zum einen ihre mangelnde Fahrpraxis. Ein routinierter Fahrer hätte sich womöglich in dieselbe Situation manövriert, hätte aber vielleicht rechtzeitig reagieren und so einen Unfall verhindern können. Zum anderen geraten junge Fahrer häufig in hoch risikoreiche Situationen, in die ältere Fahrer eher selten kommen, zum Beispiel nächtliche Überlandfahrten oder Fahrten mit einer Gruppe von alkoholisierten Mitfahrern. Die These, dass junge Menschen im Straßenverkehr gefährdet sind, weil sie leichtsinnig und risikoreich fahren, greift deshalb zu kurz.

Gibt es einfache Tricks, die uns helfen, im Straßenverkehr geduldig und defensiv zu bleiben?

Am besten verhalten Sie sich bewusst entspannt. Drehen Sie das Radio leiser, legen Sie ruhige Musik ein und führen Sie keine aufwühlenden Gespräche. Aber auch ganz praktische Maßnahmen können helfen: Planen Sie Ihre Fahrt langfristig, fahren Sie rechtzeitig los und legen Sie regelmäßig Pausen ein.

Und was raten Sie allen, deren Hintermann viel zu schnell unterwegs ist oder drängelt?

Ganz einfach: Machen Sie Platz! Sie können Drängler und Raser nicht erziehen, indem Sie zum Beispiel betont langsam fahren. Damit bringen Sie nur sich selbst in Gefahr. Versuchen Sie außerdem, sich nicht allzu sehr zu ärgern. Denn wenn Sie wild hupen oder herumbrüllen, steigern Sie auch Ihre eigene Aggressivität – und erhöhen damit Ihr Unfallrisiko.

 

Weiterführende Informationen für junge Fahrer