Ablenkung

Selfie Boom: Tödicher Trend im Straßenverkehr

Eine europaweite Studie belegt, dass besonders junge Autofahrer während der Fahrt zum Smartphone greifen, um sich zu fotografieren oder zu surfen. Dass die Straßenverkehrsordnung die Handynutzung verbietet und ihr Fehlverhalten äußerst riskant ist, blenden viele aus.

Sportler machen es, Schauspieler und Musiker ebenso – viele Menschen greifen zum Handy, um sich selbst zu fotografieren und ihr Konterfei in den sozialen Netzwerken mit den digitalen Freunden zu teilen. Schnell das Handy zücken, posieren und knipsen: Fertig ist das Selfie. Längst hat sich diese Form des Selbstporträts vor alltäglichen oder spektakulären Hintergründen im sozialen Miteinander etabliert. Doch der Trend kann schnell zur Gefahr werden. Nämlich dann, wenn Autofahrer sich während der Fahrt mit dem Smartphone ablichten. „Handys gehören zu unserem Alltag, aber im Straßenverkehr stellen sie eine große Gefahr dar, weil sie Verkehrsteilnehmer von dem Geschehen im Straßenverkehr ganz erheblich ablenken“, sagt Christian Burkhardt, Polizist im Staabssachbereich Verkehr der Polizei Berlin. Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse einer europaweiten Studie eines Automobilherstellers zum Thema Ablenkung im Straßenverkehr beunruhigend. Jeder vierte Befragte zwischen 18 und 24 Jahren gab an, hinter dem Steuer zum Smartphone zu greifen, um Selfies zu machen. In Deutschland räumte fast ein Drittel der Teilnehmer ein, während der Fahrt solche Selbstporträts zu schießen. 35 Prozent der deutschen Verkehrsteilnehmer öffnen sogar nebenbei die sozialen Netzwerke.

Viele junge Fahrer nehmen das Risiko hin

Durch ihr Verhalten setzen die jungen Autofahrer leichtfertig ihre Gesundheit und die ihrer Mitmenschen aufs Spiel. Doch laut der Studie nimmt das ein Großteil der Befragten bewusst in Kauf. Sie meinen, das Risiko ihres Handelns zu kennen. Bei Polizist Burkhardt stößt diese Haltung auf Unverständnis. „Ich kann die Fahrlässigkeit der jungen Menschen nur damit erklären, dass sie die Gefahren unterschätzen und darauf vertrauen, dass schon nichts passieren wird.“ Doch das ist ein Trugschluss: Immer wieder kommt es zu schweren Verkehrsunfällen, weil der Blick nicht auf die Straße, sondern auf das Handy gerichtet ist. Im Internet kursieren sogar Wettbewerbe, wer das verrückteste oder gefährlichste Selfie schießt. „Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Risikogruppe der Fahranfänger aufzuklären und zu informieren, damit sie verstehen, welcher Gefahr sie sich aussetzen“, sagt Burkhardt, dem die Entwicklung der vergangenen Jahre besonders missfällt. „Es kommt auch immer wieder vor, dass Verkehrsteilnehmer Unfallstellen fotografieren, statt den Verunglückten zu helfen. Laut Strafgesetzbuch kann das als unterlassene Hilfeleistung gewertet werden.“

Im Ernstfall fehlen wichtige Sekunden

Ein Selfie zu knipsen dauert zwar nur wenige Sekunden, doch diese Sekunden fehlen Verkehrsteilnehmern, um im in einer Gefahrensituation rechtzeitig reagieren zu können. „Autofahren erfordert permanente Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen. Eine verzögerte Reaktionszeit bedeutet einen längeren Anhalteweg und erhöht das Unfallrisiko stark“, sagt Burkhardt. Laut Studie lenkt ein Selbstporträt einen Fahrer etwa 14 Sekunden ab, ein Blick auf Twitter, Facebook und andere soziale Medien dauert 20 Sekunden. Dabei sorgt schon eine Sekunde Ablenkung dafür, dass Autofahrer bei einer Geschwindigkeit von 50 Kilometer pro Stunde 14 Meter im „Blindflug“ unterwegs sind. „Während des Blindflugs kann jederzeit etwas Unvorhersehbares passieren – die Verkehrssituation ändert sich komplett“, sagt der Polizist. „Wenn Verkehrsteilnehmer abgelenkt sind, haben sie nicht den Hauch einer Chance, rechtzeitig zu reagieren und die Situation unter Kontrolle zu bekommen.“

Straßenverkehrsordnung verbietet Selfies am Steuer

Wie viele Unfälle abgelenkte Fahrer verursachen, ist statistisch nicht zu ermitteln, weil Ablenkung am Steuer offiziell nicht zu den Unfallursachen gehört. „Ich beobachte immer wieder Verstöße von Verkehrsteilnehmern“, berichtet Burkhardt. In der Schweiz fielen 2013 rund 30 Prozent aller Unfälle, bei denen Personen verletzt oder getötet wurden, unter die Kategorie „Unaufmerksamkeit und Ablenkung“. Dabei ist die Handynutzung am Steuer nicht nur ein Sicherheitsrisiko, sondern laut deutscher Straßenverkehrsordnung daher auch ausdrücklich verboten. Dort heißt es im Absatz 1a, § 23, dass „dem Fahrzeugführer (...) die Benutzung eines Mobil- oder Autotelefons untersagt [ist], wenn er hierfür das Mobiltelefon oder den Hörer des Autotelefons aufnimmt oder hält.“ Verstoßen Autofahrer gegen diese Regel, drohen ihnen 60 Euro Bußgeld und ein Punkt im Flensburger Verkehrssünderregister. Kommt es zum Unfall, erlischt nicht nur der Versicherungsschutz. Im Einzelfall kann das grob fahrlässige Verhalten auch rechtliche Konsequenzen haben. Dies ist auch vollkommen gerechtfertigt, denn das Handy am Steuer führt gleichzeitig zu einer visuellen, mentalen und motorischen Ablenkung und gefährdet nicht nur den Fahrer, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer enorm. „Soweit muss es jedoch gar nicht kommen“, sagt Polizist Burkhardt. „Verkehrsteilnehmer sollten einfach die Finger vom Handy lassen.“

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